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Valentina Vetturi, Orchestra. Study #2

Chemin François-Furet 8, Genève (16h30 – coucher du soleil)
03.09.16

 

 

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Atmendes Üben bei sinkender Sonne -
Valentina Vetturis Orchestra. Study #2

Orchestra. Study #0 von Valentina Vetturi (*1975, Bari) ist als elegante Montage möglicher Realitäten entworfen, die sich allesamt auf das Kunstschaffen eines Individuums hin verdichten. Die Süditalienerin, die Jura studiert hat und über ein urbanistisch aktives Kollektiv zur Kunst gekommen ist, sieht in dem Script der Performance vor, dass sieben Dirigenten/-innen vor im Kreis aufgestellte Pulte treten und Maurice Ravels Introduction et Allegro für Harfe, Flöte, Klarinette sowie ein Streichquartett aus dem Jahr 1905 wieder und wieder in Gestik und Mimik übertragen, als gälte es, ihre mit diesem Werk verbundenen Klangträume bereits an das siebenköpfige Ensemble zu übermitteln. Dirigenten und Dirigentinnen alleine für sich in Aktion mag für die meisten von uns ein ungewohnter Anblick sein. Doch nicht anders bereiten sich sie sich auf Proben und Konzerte vor. Daher der Untertitel der Performance.

Bei der nur gut einstündigen Premiere 2012 im Museo d’Arte Contemporanea di Roma/MACRO kamen, dabei fünf Männer und zwei Frauen zum Einsatz, die vom Dirigenten Marco Angius, der Valentina Vetturi bei ihren Vorbereitungen beriet, aus dem italienischen Nachwuchs rekrutiert worden waren. Für die Zweitaufführung des Werks in Genf 2016, die von Madeleine Amslers und Marie-Ève Knoerrles.perf produziert wurde, nahm, die inzwischen international ausstellende Künstlerin das Casting dagegen selbst vor. Für die auf nicht weniger als vier Stunden ausgedehnte Aufführung vereinte sich so am späten Nachmittag des 3. September 2016 unter der Markthalle Saint-Jean eine etwas komplexere Gruppe: Vier Dirigenten und drei Dirigentinnen zwischen dreissig und vierzig Jahren aus Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland und sogar Japan.

Die Performance begann so fulminant, dass man sich nicht gleich in die faszinierenden Charismen versenken mochte. Vielmehr war man darauf erpicht, alle Figuren gleichzeitig im Auge zu behalten. Dass einem dies weder in den Schoss fiel noch davon überfordert wurde, war dabei vielleicht kein Zufall. Sieben ist eine kulturell vorbelastete Zahl. In den meisten Traditionen wird sie auf das Materielle bezogen, auf den Körper des Menschen wie auf die Physik des Kosmos. In den Märchen findet sich die Sieben nicht nur bei den Zwergen hinter den Bergen, sondern auch bei Geschwistern, und in neuerer Zeit gibt es für diese an das Sinnliche gebundene Allbekanntheit der Sieben die Erklärung dass wir uns spontan nur bis zu sieben verschiedene Dinge einprägen können. Bei grösserer Fülle wird es schwierig.

Wer würde die Spitze einnehmen beim ersten Durchlauf der durch mehrere unterschiedliche tempi sowie ein längeres Harfensolo markierten Stück Maurice Ravels? Wo zeichneten sich Kopf-an-Kopf-Rennen ab? Wer würde das Schlusslicht bilden? Wie nach dem Start eines Autorennens oder eines Hürdenlaufs stellte man sich zuerst ziemlich triviale Fragen. Kamen die sieben Dirigenten und Dirigentinnen dabei im 28. Takt, in dem bereits das Harfensolo einsetzt, noch kurz hintereinander an, war ihre Streuung am Ende des durchschnittlich elfminütigen Stücks bereits so gross, dass mehr als die Hälfte von ihnen den zweiten Durchlauf schon längst begonnen hatte, als der langsamste Dirigent erstmals einen Abschlag ausführte. Noch mehr aber verblüffte die fast perfekte Simultanität, mit der zwei der Dirigenten den ersten Durchlauf beendeten.

 

Über die Staffelungen verlor man bald die Übersicht. Nur noch durch solche Zufälle wurde Orchestra. Study #2 in den folgenden Stunden sporadisch wieder ähnlich dramatisch. Im dazwischen auch mal schwatzenden, essenden und trinkenden Publikum sorgte es stets für Aufmerksamkeit, wenn mehr als ein Dirigent oder eine Dirigentin plötzlich eine heftige Bewegung ausführte. Atemberaubend war die magische Zäsur, die sich öffnete, als die sinkende Sonne am frühen Abend rotgolden unter das Dach der Markthalle zu scheinen begann: Für einige Sekunden verharrten die Dirigenten und Dirigentinnen regungslos, sei es im Harfensolo oder in der Pause.

Wie man es im Publikum flüstern hören konnte, birgt Orchestra. Study #0 Ähnlichkeiten mit zwei Werken von John Cage, von denen das eine um den Faktor Zeit kreist, das andere um die Differenz zwischen amorpher Lärmkulisse und brillanter Klangwelt. So mahnt Valentina Vetturis Performance vor allem an Thirty Pieces for Five Orchestras (1981) des amerikanischen Komponisten, bei denen fünf Orchester das gleiche Programm von kurzen Tonstücken in Angriff nehmen, ganz wie die Züge, die in der New York Central Station oft auf einen Schlag in verschiedene Richtungen abfahren. Doch sind in Orchestra. Study #0 auch Aspekte der 4’33’ (1952) enthalten, die darin bestehen, dass ein Pianist oder eine Pianistin den Deckel des Klaviers öffnet und diesen nach der klassischen Dauer einer Vinyl-Single wieder schliesst, ohne etwas gespielt zu haben.

Wo immer auch Korrespondenzen liegen mögen, bei der Performance Valentina Vetturis verschob sich die Kernerfahrung zumindest in der stark verlängerten Aufführung Orchestra. Study #2 zu einer ganz anderen Grösse hin als in den beiden Werken von John Cage. Wie vielleicht von der Siebenzahl der Gruppe schon von Anfang an heimlich indiziert, war dies der Körper der Kunstschaffenden und dessen Beziehung zu seiner Umwelt, aber auch zu allem Grösseren und Weiteren. Wie von Valentina Vetturi erhofft, glitten die Dirigentinnen und Dirigenten mit der Zeit in tranceartige Zustände. Die Macht und die Kraft jedes Schlages und auch die Liebe, mit der sie jeden Ton formten, erschien dabei von aussen gesehen wie aus dem Schwung und dem Geheimnis des Kosmos geschöpft. Erst gegen Ende der Performance brach ein Junge, der wie bestellt mehrmals auf seinem Balance Wheel zwischen den Dirigentinnen und Dirigenten hindurch sauste, diese Einkehr auf einmal auf. Auf den Gesichtern der sieben begannen sich Anflüge von Ermüdung, Verstimmung und Langeweile abzubilden.

Zuvor jedoch, als die Dirigenten und Dirigentinnen die Partitur Maurice Ravels noch selbstvergessen in ihren Körper hineinsickern zugleich und aus diesem hervorquellen liessen, die grauen, stumpfen Noten in etwas schier unfasslich Subjektives verwandelnd, da wurde mir auf einmal ein berühmter Satz in Maurice Merleau-Pontys letztem Essay Auge und Geist (1961) klarer: «Das, was man Inspiration nennt, sollte wörtlich genommen werden: Es gibt tatsächlich eine Inspiration und Expiration des Seins, ein Atmen im Sein, eine Aktion und Passion, die so wenig voneinander zu unterscheiden sind, dass man nicht mehr weiss, wer sieht und wer gesehen wird, wer malt und gemalt wird.»

Katharina Holderegger

Valentina Vetturi *1979, vit et travaille entre Bari (I) et Bruxelles

Photos © Emmanuelle Bayart

     
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